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Lerntypen – Neue Erkenntnisse aus der Perspektive von eEducation

Seit den 1970er Jahren wurde es zunehmend populär, Lerner in Lerntypen einzuteilen, um ihren individuellen Lernfortschritt zu befördern. Die aktuelle Lernpsychologie betrachtet entsprechende Modelle inzwischen als weitgehend überholt. Was bedeutet dies für den Bereich eEducation? Und welche Ansätze gibt es aktuell, um den Lernfortschritt zu fördern?

Lerntypen als vermeintlicher Booster des Lernerfolgs

Lerntypen beruhen auf der Idee, dass Menschen am besten lernen, wenn Lerninhalte auf ihre individuellen Medienpräferenzen abgestimmt sind. Seit den 1970er Jahren wurden etliche Rahmen und Systeme für die Kategorisierung von Lerntypen entwickelt. Eines der populärsten Systeme unterteilt Lernende bspw. in drei Typen: visuelle, auditive und kinästhetische Lernende. Nach dieser Theorie lernen visuelle Lernende am besten durch visuelle Inhalte usw. Der überwältigende Konsens unter Forschern ist heutzutage jedoch, dass die Hypothese von Lerntypen kaum durch wissenschaftliche Beweise gestützt wird. Während Lernende zwar subjektive Präferenzen für das Lernen mit bestimmtem Lernmaterial entwickeln können, widerlegen zahlreiche Studien, dass sie durch dieses vermeintlich für sie passende Lernmaterial auch zugleich effizienter lernen. Aus Sicht der Kognitionswissenschaften werden Lerntypen heute daher überwiegend als Mythos angesehen. Der Lerntypen-Ansatz hat sich dennoch aufgrund seiner intuitiven Plausibilität über Jahrzehnte in der Bildungslandschaft prominent gehalten. Er ist auch heute noch populär und weit verbreitet.

Teilweise ist auch von Lernstilen anstatt Lerntypen die Rede, wobei oft unklar ist, inwieweit damit praktisch dasselbe gemeint ist. In beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass Lernende individuelle Vorlieben haben hinsichtlich der Art und Weise, wie ihnen Lerninhalte präsentiert werden. Implizit schwingt auch bei Lernstilen die (empirisch nicht zuverlässig belegte) Annahme mit, dass Lernende auch besser bzw. schneller lernen, wenn die Form der Lerninhalte zu ihrem präferierten Lernstil passt. Nachfolgend ist eine bekannte Typologie von Lernstilen mit einigen zugehörigen Lehrmethoden exemplarisch dargestellt.

Lernende bevorzugen Bilder und räumliche Strukturen.

Lehrmethoden:

  • Einsatz von Diagrammen und visuellen Elementen
  • Gezielte Verwendung von Farben
  • Häufige Nutzung von Videos
Lernende bevorzugen Klänge, Rhythmen, gesprochene Sprache und Musik.

Lehrmethoden:

  • Lerninhalte werden diskutiert
  • Mündliches Paraphrasieren von Ideen
  • Einsatz von Aufzeichnungen, Gesprächen und Liedern

Lernende bevorzugen gesprochene und geschriebene Worte.

Lehrmethoden:

  • Einsatz von Wortspielen
  • Fokus auf gesprochene und geschriebene Inhalte
  • Einsatz von mnemotechnische Mitteln z. B. mit Merkhilfen, Eselsbrücken
Lernende bevorzugen aktives Handeln mit konkreten Gegenständen.

Lehrmethoden:

  • Verwendung von Beispielen aus dem „wirklichen Leben“
  • Fokus auf Fallstudien oder praktische Arbeiten
  • Lehren von Konzepten durch Spiele und Projekte
Lernende bevorzugen logische Schlussfolgerungen und Systeme.

Lehrmethoden:

  • Systematisches Suchen nach Antworten auf komplexe Fragen
  • Verschiedene Perspektiven auf ein Thema aufzeigen
  • Einsatz von Rätseln und Strategiespielen
Lernende bevorzugen Lernen gemeinsam mit anderen Menschen.

Lehrmethoden:

  • Einbeziehen anderer Personen in den Lernprozess
  • Einsatz von formellen und informellen Diskussionen
  • Aktivitäten wie Rede-, Theater- und Debattenteams

Lernstrategien anstatt Lerntypen

Teilweise ist auch von Lernstilen anstatt Lerntypen die Rede, wobei oft unklar ist, inwieweit damit praktisch dasselbe gemeint ist. In beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass Lernende individuelle Vorlieben haben hinsichtlich der Art und Weise, wie ihnen Lerninhalte präsentiert werden. Implizit schwingt auch bei Lernstilen die (empirisch nicht zuverlässig belegte) Annahme mit, dass Lernende auch besser bzw. schneller lernen, wenn die Form der Lerninhalte zu ihrem präferierten Lernstil passt. Nachfolgend ist eine bekannte Typologie von Lernstilen mit einigen zugehörigen Lehrmethoden exemplarisch dargestellt.

Anstatt von mehr oder weniger feststehenden Lerntypen auszugehen und das Lernmaterial für diese differenziert zu optimieren, ist es sinnvoller, Lernenden für ihre individuelle Situation passende Lernstrategien anzubieten. Lernstrategien sind Handlungssequenzen zur Erreichung eines Lernziels. Es lassen sich verschiedene Arten von Lernstrategien unterscheiden:

  • Kognitive Strategien dienen hauptsächlich der Erarbeitung, Strukturierung und Nutzung von Wissen. Sie müssen von den Lernenden selbst erarbeitet werden.
  • Wiederholungsstrategien dienen dazu, Wissen im Arbeitsgedächtnis aktiv zu halten und so allmählich in das Langzeitgedächtnis zu überführen.
  • Elaborationsstrategien zielen darauf ab, vorhandenes Vorwissen über einen Gegenstand wieder zu aktivieren und neues Wissen mit diesem zu verknüpfen.
  • Organisationsstrategien zielen darauf ab, in einem neuen Bereich Ordnungsbeziehungen zu erarbeiten, um sich so ein kohärentes Bild von diesem Bereich (oder Thema) zu verschaffen.
  • Selbstkontrollstrategien fokussieren darauf, Lernprozesse situationsangemessen zu steuern.
    Als metakognitive Prozesse laufen sie sozusagen „über“ den kognitiven Lernprozessen ab und regulieren die Reflexion über die eigenen Denk- und Lernprozesse.
  • Wissensnutzungsstrategien tragen dazu bei, „träges Wissen“ zu reduzieren. Dabei handelt es sich um all jenes Wissen, welches in konkreten Anwendungs- und Transfersituationen mangels Einübung nicht aktiviert werden kann, obwohl es grundsätzlich vorhanden ist.

  • Motivations- und Emotionsstrategien zielen u.a. darauf ab, die Lernmotivation zu erhöhen, den Umgang mit Frustrationen zu regulieren und die Konzentration zu fördern.

Aktuelle Ansätze im Bereich eEducation

Aus Sicht eines Lehrenden im Bereich eEducation ist es sinnvoll, sich bei der Erstellung von Lernmedien die unterschiedlichen Lerntypen bzw. Lernstile zu vergegenwärtigen. Werden diese angemessen berücksichtigt, ergibt sich eine Methodenvielfalt, von der Lernende später profitieren. Wichtiger als der Fokus auf bestimmte Lerntypen oder Lernstile ist jedoch bereits bei der Konzeption ein „Mitdenken“ von Lernstrategien. Bisher kamen dabei meist folgende zum Einsatz: Wiederholungsstrategien (bspw. mehrfaches Wiederholen zentraler Aussagen und Begriffe), Elaborationsstrategien (bspw. Abfragen von Vorwissen und ausgehend davon Verknüpfung mit neuen Lerninhalten), Organisationsstrategien (bspw. schematische Grafiken, Struktogramme und Schaubilder) sowie Motivationsstrategien (bspw. Einsatz von Avataren und Elementen zur Aufmunterung und Belohnung).

Vielversprechend ist künftig die Ergänzung durch weitere kognitive sowie metakognitive Lernstrategien. Anstatt den Lernenden lediglich Lerninhalte zu präsentieren, welche implizit und begrenzt Lernstrategien beinhalten, werden den Lernenden verfügbare Lernstrategien transparent gemacht. Durch gezielte Abfrage von Vorkenntnissen und Motivation sowie Analyse bisherigen Lernverhaltens lassen sich individuelle Stärken, Schwächen und Vorlieben von Lernenden erkennen (u.a. durch Einsatz von KI-Algorithmen). Avatare können darauf aufbauend etwa bestimmte Medientypen und Lernmethoden vorschlagen und sogar ganze Lernpfade hin zum avisierten Lernziel aufzeigen. Abhängig von der Art der Lernhindernisse (bspw.: Zusammenhänge scheinen noch unklar zu sein; Wissen ist vorhanden, jedoch nur in Form von „trägem Wissen“; Wissen wurde nicht genug verinnerlicht, um nach längerer Zeit wieder erinnert zu werden; Mangel an Motivation; Lernabbruch aufgrund Frustration usw.) können besonders Erfolg versprechende Lernstrategien vorgeschlagen werden.